Das Kind als planerisches Großereignis

Künstliche Befruchtung und LeihmutterschaftDas alles führt dazu, dass Kinder zu planerischen Großereignissen werden. Wir bekommen sie immer später – schließlich muss job- und partnermäßig wirklich alles passen. Und wenn wir uns schon so lange auf die Elternschaft vorbereiten und die Integration eines Kindes in den Arbeitsalltag einer logistischen Höchstleistung gleichkommt, dann soll das Kind, bitte schön, mindestens vollkommen sein.

Hormonbehandlungen und In-vitro-Fertilisation und Samenspende

Und die Reproduktionsmedizin steht mit diversen Verfahren bereit, um zu helfen: Wenn es mit der Empfängnis nicht klappen will, sind Hormonbehandlungen und In-vitro-Fertilisation sowie Samenspende die häufigsten Nachhilfe-Instrumente.Künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft Bundesfamilienministerin von der Leyen will diese teuren und bisher von den Betroffenen zum großen Teil selbst zu bezahlenden Methoden künftig stärker staatlich fördern. Frauen sind aber nicht nur bereit, für die Verwirklichung ihres Kinderwunsches jede Menge körperlicher Unannehmlichkeiten (und, sehr oft, Konflikte mit dem Partner) auf sich zu nehmen – sie bürden sich auch zunehmend Entscheidungen von einer moralischen Tragweite auf, die noch kaum abzusehen ist. Die Präimplantationsdiagnostik erlaubt es nicht nur, erbkranke Embryonen „auszusortieren“, sie ermöglicht auch die Bestimmung von Haarfarbe, Hauttyp, Geschlecht des ersehnten Kindes. In weniger sensiblen Gesellschaften als der unseren, die nicht die Erfahrungen mit der Rassenlehre der Nationalsozialisten gemacht haben, wird mit dem „Geschlechtswahlprogramm“ unbefangen Reklame gemacht.

Das perfekte Kind aus dem Reagenzglas?

Damit öffnet sich ein Universum ethischer Fragwürdigkeiten: Wer gibt uns das Recht, das Geschlecht unseres Kindes zu bestimmen? Zudem lockt die Verheißung genetischer Perfektion in eine gefährliche Denkfalle: Sie legt nahe, dass ein gelungenes Leben eine Frage der biologischen Ausstattung sei.Künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft Zumindest bei einem Teil der vielbeschäftigten Eltern müsse man befürchten, dass sie sich um die Seele oder die Bildung ihres Kindes nicht mehr so viele Gedanken machen, weil sie schließlich genug in ein aufwendiges gentechnisches Komplettpaket investiert haben. Und wohin führt der Traum vom optimierten Kind am Ende? Aldous Huxley hat in seinem berühmten Zukunftsroman „Schöne neue Welt“ beschrieben, wie ein Regime sich die perfekten Untertanen schafft – im Reagenzglas. Eltern sind da längst überflüssig geworden, die bloße Erinnerung daran, dass es einmal so etwas gab, gilt als anstößig. Der britisch-japanische Autor Kazuo Ishiguro schildert in seinem herzzerreißenden Roman „Alles, was wir geben mussten“, wie geklonte Menschen als lebende Organbanken gehalten werden – ein Produkt hat eben keine Menschenwürde.

Für viele Frauen und Männer, die sich sehnlich ein Kind wünschen, mögen diese Befürchtungen übertrieben klingen: Warum nicht alles versuchen, was machbar ist? Solche Dinge entscheiden Menschen sowieso selbst. Nur sind eben nicht alle Folgen des Machbaren – die gesellschaftlichen wie die individuellen – immer auf den ersten Blick sichtbar.